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Studie über Schluckstörungen veröffentlicht

Eliane Lüthi-Müller, Dr. scient. med., ist Logopädin im Rehazentrum Valens. Kürzlich hat sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit eine Studie in der Fachzeitschrift Dysphagia veröffentlicht. Darin geht es um die Capsaicin-Aerosol-Anwendung im klinischen Alltag. Capsaicin, auch Cayenne-Extrakt genannt, ist der schärfste bekannte Naturstoff, der in verschiedenen Paprikasorten vorkommt. Er ermöglicht Patientinnen und Patienten mit einer neurogenen Dysphagie, ihr unzugängliches Hustenpotenzial zu aktivieren und aspiriertes Material wie Nahrung, Flüssigkeiten, Speichel oder Sekret aus den Atemwegen zu beseitigen.

Eliane Lüthi-Müller
Eliane Lüthi-Müller, Dr. scient. med., Logopädin im Rehazentrum Valens

Von einer «Dysphagie» oder «Schluckstörung» wird immer dann gesprochen, wenn Probleme beim Essen, Trinken oder dem Schlucken von Speichel auftreten. Eine Unterform ist die «neurogene Dysphagie» – eine Schluckstörung, die als Folge von neurologischen Erkrankungen wie beispielsweise Schlaganfall, Schädelhirntrauma, Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose auftritt. Dabei gilt als gefährlichste Komplikation die Aspiration, d. h. das Eindringen von Flüssigkeiten, Nahrung oder Speichel in die Atemwege.

Es ist entscheidend, eine Schluckstörung möglichst früh zu diagnostizieren und die nötigen Massnahmen einzuleiten. Primäres Ziel in der logopädischen Arbeit mit Menschen mit neurogener Dysphagie ist es somit, zunächst das Dysphagie- und Aspirationsrisiko einer Person festzustellen.

Eliane Lüthi-Müller: «Erst wenn in der Klinischen Schluckuntersuchung oder nach bildgebender Diagnostik die Schluckfunktionen evaluiert sind, wird mit der Therapie begonnen – mit dem Ziel, den Patientinnen und Patienten sicheres Speichelschlucken sowie eine sichere Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme zu ermöglichen. Um dies zu erreichen, stellen wir ein individuelles Übungsprogramm für jeden Betroffenen zusammen». Ein zentraler Erfolgsfaktor sei hier auch immer die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Ärzteschaft, der Ernährungsberatung, den Pflegefachpersonen und den Therapeutinnen und Therapeuten.

Capsaicin – Einsatz von Chili in der Medizin

Erinnern Sie sich an das letzte Mal, als Sie sich so richtig verschluckt haben? An Ihre Reaktion, als Speisereste, Getränke, Speichel oder Sekret anstatt in die Speise- in die Luftröhre geraten sind? Haben Sie reflexartig gehustet, gewürgt, geräuspert und geschluckt? Alles gleichzeitig und immer und immer wieder, und zwar so lange, bis das verschluckte Material weg und die Atemwege wieder frei waren?

Wenn ja, dann verfügen Sie über einen intakten Hustenreflex, der Sie vor den potenziell lebensgefährlichen Folgen von Aspiration rund um die Uhr zuverlässig schützt. Bei den meisten Dysphagie-Patientinnen und -Patienten ist dieser wichtige Schutzreflex beeinträchtigt. In der Folge kann es zu Aspirations-assoziierten Komplikationen wie Atemnot, Erstickungsgefühl oder zu einer Lungenentzündung, einer sogenannten «Aspirationspneumonie» kommen.

Hier setzt die Behandlung mit Capsaicin an: in aerosolisierter Form ermöglicht der aus Chilischoten gewonnene Wirkstoff den Betroffenen, das aufgrund ihrer Erkrankung unzugängliche Hustenpotenzial zu aktivieren und ihre Atemwege aus eigener Kraft zu reinigen.

Motivation, Fragestellungen und Fazit der Studie

Eliane Lüthi-Müller widmete sich in ihrer Doktorarbeit dem Thema Capsaicin, um den klinischen Einsatz dieses hilfreichen Nahrungsergänzungsmittels weiter zu untersuchen: «Es war mir ein persönliches Anliegen, neue Erkenntnisse über die komplexen Wirkungszusammenhänge zwischen neurogener Dysphagie, Hustenkraft und der Anwendung von Capsaicin-Aerosol zu gewinnen. Diese können in den logopädischen Arbeitsalltag einfliessen und den Patientinnen und Patienten wieder mehr Lebensqualität bieten.»

In der Forschungsarbeit hat Eliane Lüthi-Müller verschiedene Fragestellungen untersucht, die darauf abzielten, den therapeutischen Mehrwert von Capsaicin-Aerosol zu untersuchen und einen wissenschaftlichen Effektivitätsnachweis zu erbringen. Ziel der Studie war es, die Wirkung von Capsaicin-Aerosol auf den Hustenspitzenfluss methodisch zu untersuchen. Dazu wurden der willkürliche und reflektorische Hustenspitzenfluss nach Exposition mit Capsaicin-Aerosol bei 30 Personen mit neurogener Dysphagie und 30 Personen ohne neurogene Dysphagie gemessen und verglichen.

Die erhobenen Resultate weisen unter anderem darauf hin, dass es signifikante Unterschiede zwischen der willkürlichen und reflektorischen Hustenkraft bei Personen mit und ohne Schluckstörung gibt. Ohne Capsaicin gelang nur 29 % der Personen mit neurogenen Schluckbeschwerden, eine effiziente Reinigung der Atemwege zu erreichen, während es mit Capsaicin-Aerosol 68 % gelang. Capsaicin kann somit als ein bereicherndes Tool in der Dysphagietherapie und als gute Alternative oder Ergänzung zu herkömmlichen Methoden angesehen werden.

Die Studie zum Nachlesen:

A New Therapeutic Approach for Dystussia and Atussia in Neurogenic Dysphagia: Effect of Aerosolized Capsaicin on Peak Cough Flow: